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Ist das Tradition oder kann das weg? Sind Traditionen (noch) wichtig?

 

Ist das Tradition oder kann das weg? 

Sind Traditionen (noch) wichtig?

 

Geschmückte Weihnachtsbäume, bunt bemalte Ostereier oder dein Lieblingsverein - 

Woran denkst du zuerst, wenn du das Wort: „Tradition“ hörst? Brauchst du Traditionen? Wusstest du, dass Traditionen dein Denken einschränken? Traditionen können unbewusst schaden oder dienen. Ich erkläre dir in diesem Beitrag, warum das so ist. Willst du wissen, was die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern von Traditionen halten? Hier sind meine Erfahrungen…

Viel Spaß!

 

Wann spricht man von Tradition? 

Alle Jahre wieder kommt das Christuskind. Das ist wohl eine der bekanntesten Traditionen: Weihnachten. Gut, um genau zu sein, kommt in deutschen Haushalten die Werbefigur von Coca-Cola und nicht Jesus Christus. Doch was macht beispielsweise Weihnachten zur Tradition?

Oxford Languages definiert Tradition als: „etwas, was im Hinblick auf Verhaltensweisen, Ideen und/oder Kultur in der Geschichte von Generation zu Generation (innerhalb einer bestimmten Gruppe) entwickelt und weitergegeben wurde (und weiterhin Bestand hat).“😵

… mit solchen Sätzen vergrault man seine Leser. 😅

So eine Erklärung sagt aber alles. Na ja, nun könnten einige Leute behaupten, dass es bei ihnen Tradition ist, wenn sie jeden Morgen auf dem Pott einen abseilen. 💩

Diesbezüglich musst du zusätzlich differenzieren, ob du eine Tradition zum Leben brauchst oder nicht. Im Falle meiner Beispiele müssen die routinierten Toilettengänger ohnehin irgendwann aufs Klo. Ohne Weihnachten könnte jedoch jeder überleben. Spart ne Menge Geld, aber du musst es den Kindern irgendwie erklären. 

Kurz und knapp: Tradition ist etwas von Menschen Gemachtes, was der Mensch nur dann braucht, wenn er es kennt. 

Foto vom Riesenrad der Hafentage in Wolgast

Traditionen aller Welt für den Konsum

Die Industrie kann dir mit Dollarzeichen in den Augen gut erklären, wofür Traditionen gut sind. 🤑 Weihnachten, Ostern und Co. sind schon längst keine christlichen Traditionen mehr. Darüber hinaus versuchen die Medien (selbst in MV) immer mehr Traditionen aus anderen Ländern einzuführen. Neuerdings feiern wir Halloween und Saint Patrick's Day. Mal ehrlich, wenn ich als Deutscher einen saufen will und komische Gestalten sehen möchte, dann fahre ich zum Oktoberfest (auch Tradition)! Warum soll ich mich gruselig verkleiden oder wie ein Ire fühlen? Dir und mir werden immer mehr Traditionen aufgezwungen, und warum? Um des schnöden Mammons willen! 

In Deutschland haben ausländische Feste noch Schwierigkeiten sich flächendeckend zu etablieren. Nichtsdestotrotz bekommt die Industrie das gut hin. Tradition hat leider viel mit Marketing zu tun. Feste wie Halloween eignen sich hervorragend dafür. Kauf den Kindern Kostüme und Süßigkeiten und das machen wir ab jetzt jedes Jahr. Du musst dem Ganzen bedauerlicherweise zugutehalten, dass es den Kindern Spaß macht, ein Totschlagargument! 

Eigene Feiertage wie den Tag der Deutschen Einheit zur Kauftradition zu machen, das ist nicht so leicht. Was hätte uns die Werbung denn sagen sollen? „Fresst so viel Bratwurst und Sauerkraut, bis ihr ausseht wie Helmut Kohl?“ Die US-Amerikaner hingegen wirst du (selbst ohne Werbung) niemals davon abhalten können, Thanksgiving oder den Independence Day zu feiern. Eins muss man den Amis trotz des Konsums lassen, die traditionellen Werte dieser Feiertage stehen weit oben. Das bedeutet, Traditionen bieten mehr als nur Werbepotenzial. 


Fotocollage des Herbstfestes vom Riemser FV e. V.
Eine Verbindung des traditionellen Herbstfeuers mit dem „neutraditionellen’’ Halloween-Fest. 

Was nützen dir Traditionen?

Tatsächlich haben Traditionen einen nützlichen Effekt. Sie vermitteln Werte wie Sicherheit und Identität und wecken den Gemeinschaftsgeist. Wenn du einen nationalen oder persönlichen Bezug zu einer Tradition hast, macht sich das besonders bemerkbar. Die patriotischen US-Amerikaner lieben ihre Feste. Bekanntermaßen hält sich der Patriotismus in Deutschland in Grenzen (wegen des Österreichers damals, du weißt ja …🙈). Dennoch leben und lieben auch wir viele Traditionen und ziehen einen Nutzen davon. Das Aufstellen des Maibaums, die Vergabe von Schultüten (gibt es tatsächlich nur im deutschsprachigen Raum) oder einfach nur das Pünktlichsein. Die wenigsten Deutschen möchten darauf verzichten. Sie geben dir selbst in den schwierigsten Zeiten ein Gefühl von Beständigkeit. Es ist gut, wenn sich manche Dinge nie verändern, denn nur dann kannst du dich darauf verlassen. Wenn du dich auf etwas verlassen kannst, dann macht es dich glücklich. Traditionen machen dich also glücklich.


Wann sind Traditionen schädlich?

Traditionen sind dann schädlich, wenn dein Denken und dein Lebensstil keine Abweichung dieser Traditionen zulassen. Ich verdeutliche das mal. Setz den Begriff „Tradition“ gleich mit den Bezeichnungen „Routine“ oder „gesellschaftliche Normen“. Alle Begriffe haben eine Sache gemeinsam. Sie entwickelten sich im Laufe der Zeit und sind dann geblieben. Doch spät wird hinterfragt, ob jemand dabei zu Schaden kommt. Das beste Beispiel hierfür ist Beziehungsroutine, das schadet nämlich der Beziehung. Gesellschaftliche Normen wie das Konsumieren von Alkohol können deiner Gesundheit und deinen Mitmenschen schaden. Denn traditioneller Alkoholkonsum führt nicht selten zu Krawallen. 

Die meisten Krawalle in MV beginnen übrigens mit dem Satz: „Oh schau mal, ein St.-Pauli-Fan!“  

Da wären wir gleich beim nächsten Thema: traditionelle Rivalitäten. Warum verurteilt man bestimmte Gruppen, obwohl man meist nicht eine Person davon kennt? Ganz einfach, weil es unsere Vorgänger genauso gemacht haben! Der tatsächliche Ursprung der Rivalität rückt stets in den Hintergrund. Es ist wie im Krieg. Diejenigen, die sich gegenseitig verletzen und töten, hatten nie persönliche Probleme miteinander.   

Nicht nur für viele Mecklenburger und Pommern ein traditionsreicher Ort: das Ostseestadion. Die Spielstätte des F.C. Hansa Rostock ist ein beliebter Veranstaltungsort in MV (Foto vor einem Rammstein-Konzert). 

Beispiel: Prügel

Häufig sind Traditionen mit logischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht vereinbar. Ich habe noch nie einen Menschen kennengelernt, der im Moment seines größten Triumphs sagte: „Das habe ich alles nur geschafft, weil mir mein Vater früher regelmäßig eine geknallt hat!“ Die gegensätzliche Argumentation höre ich dagegen häufig: „Der hätte mal richtig verprügelt werden sollen, dann wäre er nicht so geworden!” Es ist der traditionelle, aber schädliche Glaube, dass man mit Disziplin alles bewirken kann. Die moderne Pädagogik widerlegte längst, dass überstrenge Disziplin die beste Methode des Lernens ist. Dennoch hat wohl jeder von uns einer anderen Person schon mal Schmerzen bei Fehlverhalten gewünscht.  

 

Traditionen in Mecklenburg-Vorpommern

„Das haben wir immer schon so gemacht!” Im Laufe meines Berufslebens hörte ich in MV diesen Spruch mehrmals. Ich war beruflich in einer Position tätig, in der ich etwas verändern sollte. Bei solchen Aussagen hätte ich traditionell im Strahl kotzen können! Da geht es aber anderen Betrieben in Deutschland ähnlich. Erfahrungsgemäß pflegen viele Menschen im Nordosten ein traditionelles und manchmal altmodisches Denken. Aus meiner ursprünglichen und traditionsreichen Heimat (dem Erzgebirge) kannte ich diese Denkweise schon. Von daher gesehen, hatte „das Altmodische” für mich stets auch etwas Liebenswertes.  

Foto meiner privaten Weihnachtstassen-Sammlung
vom Weberglockenmarkt in Neubrandenburg 2011-2019
(hat eben jeder seine Macke 😅)


Sprachlich versucht Meck-Pomm die plattdeutsche Sprache aufrechtzuerhalten. Neben Kabarett- oder Theatervorstellungen auf Platt, höre ich gerne den älteren Einwohnern beim Sprechen zu. Die schnacken nämlich noch „en beten Platt“. Der plattdeutsche Slang in Mecklenburg-Vorpommern ist leider vom Aussterben bedroht. Die jüngere Generation muss sich schon aktiv mit dem Plattdeutschen auseinandersetzen, um diese Sprache zu retten. Hierbei musst du auch kleine, aber feine Unterschiede beachten (Mäkelbörger Platt oder Vorpommern Platt). De Griepswolder schnacken anders als de Niegenbramborger.☝ In den letzten Jahren setzt sich ein schöner Trend in mehreren Ortschaften Mecklenburg-Vorpommerns durch. So wird das Ortseingangsschild einer Gemeinde gern ergänzt mit einem weißen Ortschild, auf der die plattdeutsche Bezeichnung des Ortes zu lesen ist.  

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es typisch norddeutsche Traditionen und Bräuche. Shanty-Chöre, Fischerfeste und alle denkbaren Wassersportarten sind nur einige Beispiele dafür. Erfahrungsgemäß pochen die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern auf ihre norddeutsche Zugehörigkeit. Ein paar Überbleibsel aus der DDR gibt es natürlich dennoch:

 

  • Bei einigen Sportveranstaltungen werden die Beteiligten mit „Sport frei!" begrüßt. 

 

  • Der Schulanfang wird gebührend gefeiert!

(an dieser Stelle der Hinweis: „Liebe Wessis, tut doch bitte euren Kindern auch diesen Gefallen!)

 

  • Ein Jägerschnitzel ist eine panierte Jagdwurstscheibe (so muss das!💪)

Doch zurück zur norddeutschen Tradition. Ein gelebter norddeutscher Brauch tritt in Kraft, wenn du als 30-Jährige(r) noch unverheiratet ist. Für die Frauen heißt es dann „Türklinken putzen" und die Männer müssen die Rathaustreppen der Gemeinde fegen. Eine Art „Strafe”, die die Freunde und Bekannten für die Betroffenen organisieren. Ähnlich wie bei einem Junggesellenabschied bescheren die Liebsten den 30-Jährigen einen unvergesslichen Tag. Ich persönlich war mit 28 verheiratet, aber mit 31 geschieden. Hätte ich das vorher gewusst, dann hätte ich die bekackte Treppe lieber dreimal gefegt. Na ja, jeder Mensch macht mal dumme Sachen. In meinem Falle war’s 'ne Hochzeit. 🤣 Von dieser Tradition kann ich nur abraten!

Foto vom Weihnachtsmarkt Ribnitz-Damgarten

So i(s)st Mecklenburg-Vorpommern

Selbst wenn du mit Traditionen nichts am Hut hast, so kennt doch jeder tradionelle Speisen. In MV ist die DDR-Küche noch sehr präsent. Jägerschnitzel, Soljanka oder Grützwurst (tote Oma) sind auch heute noch gern gesehene Klassiker. Interessanter und unbekannter sind die Speisen, die überwiegend im Nordosten bekannt sind. Meine persönliche kulinarische Empfehlung ist der Mecklenburger Rippenbraten. Dafür musst du aber Pflaumen mögen (damit ist die Frucht gemeint). Wenn du Pflaumenliebhaber bist (ich meine immer noch die Frucht), dann wirst du prinzipiell die Küche in MV lieben. Die Pflaumen schmeißen die Leute hierzulande überall mit rein. Die Kartoffelsuppe mit Pflaumen (Tüften un Plum) oder die Leberwurst mit Backpflaumen sind Beispiele dafür. Einen legendären Status hat in Greifswald das Fischbrötchen mit Pflaumenmus. Jede(r) der/die in Greifswald wohnt, weiß sofort, was gemeint ist und wo es das gibt. 

Ebenfalls sehr empfehlenswert sind: Lungenwurst, Gestowte Wruken und (mein absoluter Liebling) Tollatsch. Tollatsch ist eine süße Blutwurst (auch Fleischerkuchen genannt) aus Vorpommern, die kurioserweise in Mecklenburg recht unbekannt ist. Zusammengefasst mag man es süß in Mecklenburg-Vorpommern.

 

Tollatsch - sieht komisch aus, schmeckt aber köstlich! 😋

Braucht man noch Traditionen?

Ja, wenn man es nicht übertreibt. Es darf niemand zu Schaden kommen und die Tradition selbst muss das Wohlbefinden steigern. Tradition darf nicht ausschließlich dem Kommerz dienen. Wenn all das der Fall ist, dann sollte der Tradition nichts im Wege stehen. Für Mecklenburg-Vorpommern stehen Traditionen symbolisch für einen festen Anker. Ein Anker hält dich fest und lässt dich das Hier und Jetzt erleben. Ein Anker gibt dir Sicherheit, kann dich aber einschränken. Deshalb ist es manchmal wichtig im Leben, den Anker hochzuziehen und das Wohlbekannte zu verlassen.  

Ich persönlich habe meinen Anker viel zu häufig hochziehen müssen. Manchmal frage ich mich, ob dieses Gestell überhaupt noch den Meeresboden erreichen kann. Mein Glaube an Beständigkeit leidet heute noch stark darunter. Beständigkeit ist etwas, dem ich kein Vertrauen mehr schenken kann. Die Zerbrechlichkeit des Daseins ist in meiner Wahrnehmung leider präsenter als die Stärke meines Ankers. Traditionen sind daher besonders wichtig für mich, da sie mir Hoffnung geben. Traditionen symbolisieren die Hoffnung, dass das Schöne im Leben wiederkehrt und für immer bleibt. Auf dass der Anker die Stärke zurückerlangt und ein letztes Mal fällt …

 

Vielen Dank für Lesen!

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